Patrik Müller

Patrik Müller ist Chefredaktor der Zeitung «Sonntag».

MEHR ALS EINE UTOPIE

SBB-Präsident Ulrich Gygi nimmt während unseres Interviews ein Blatt Papier und zieht mit dem Bleistift eine Linie. «So sollte die Strecke zwischen Zürich und Bern sein: möglichst gerade, sodass die Züge 300 km/h fahren könnten», sagt er. Gygi ist sich sehr wohl bewusst, wie brisant sein Vorschlag einer Hochgeschwindigkeitsstrecke ist: «Sie denken jetzt schon an die Schlagzeile!», sagt er, als wir beginnen, nach Details zu fragen.

Eine neue Bahnstrecke durchs Mittelland, auf der die Züge im TGV-Tempo hin- und hersausen: Das klingt nach einer Utopie – zumal in einem Land, wo selbst Velowege mit Rekursen jahrelang blockiert werden. Die 45 Kilometer lange SBB-Neubaustrecke Mattstetten–Rothrist provozierte in den 80er-Jahren 6288 Einsprachen, oder, wie es Adolf Ogi damals formulierte: «Pro Torpfosten eine Einsprache, wenn man über die ganze Strecke ein Fussballgoal neben das andere stellen würde.» Aber: 2004, nach 20-jähriger Planung, wurde die Strecke in Betrieb genommen. Seither dauert die Reise von Zürich nach Bern weniger als eine Stunde.

Und nun soll also diese Fahrdauer auf weniger als eine halbe Stunde halbiert werden – dank einer neuen, fadengeraden Strecke zwischen den beiden Städten. Gygi fordert den Bundesrat auf, die Hochgeschwindigkeits-Variante «ernsthaft zu prüfen». Seine Argumentation leuchtet ein: Wenn man im Rahmen des Projekts Bahn 2030 schon 12 bis 21 Milliarden Franken investiert, sollte man auch diese 300-km/h-Variante abklären – «schliesslich sind solche Investitionen für die Ewigkeit». Das stimmt bei Eisenbahnprojekten, seit es die Eisenbahn gibt: Die Planung des Gotthard-Tunnels begann 1863, eröffnet wurde er 1882 – wir profitieren bis heute davon.

Die Schweiz ist weltweit bekannt für ihren hervorragenden öffentlichen Verkehr, in allen Standort-Studien wird er als Trumpf erwähnt. Die Mobilität nimmt ständig zu – allein auf der Linie Bern–Zürich hat sich die Passagierzahl seit 2004 um 30 Prozent erhöht; die Staus auf den Strassen sind deswegen aber nicht kürzer geworden. Wenn wir verhindern wollen, dass es in einigen Jahrzehnten zum Verkehrskollaps kommt, müssen wir die Weichen heute stellen. Und auch vermeintliche Utopien prüfen. Die Politiker tragen die Verantwortung dafür – auch wenn sie längst nicht mehr im Amt sind, bis diese verwirklicht sind.


EURO-KRISE MACHT DIE SCHWEIZ REICH

Die Nachricht: Die Exportindustrie und der Tourismus befürchten, dass die Aufwertung des Schweizer Frankens gegenüber dem Euro den zarten Aufschwung abwürgen könnte. Auch Economiesuisse-Präsident Gerold Bührer schlägt im Interview (Seite 19) Alarm: «Es fängt jetzt an, wehzutun.»

Der Kommentar: Alle reden von den Risiken der Franken-Aufwertung. Es ist logisch und verständlich, dass die exportorientierte Maschinen-, Metall- und Uhrenindustrie vor drastischen Folgen warnt, und ebenso, dass Kurdirektoren und Hoteliers fürchten, dass weniger Gäste aus dem Euroraum anreisen könnten, weil ihre Ferien in der Schweiz teurer werden.

Das ist aber nur die eine Seite der Medaille und eine kurzfristige Betrachtung. Über die andere Seite spricht niemand: Der starke Franken wertet auch die Vermögen in unserem Land auf, und er verleiht unserem Lohnfranken mehr Kaufkraft. Historisch gesehen war es immer so, dass der Franken zu den europäischen Währungen und auch zum Dollar stetig teurer wurde. Viele mögen sich noch an einen Dollarkurs von 4 Franken erinnern (heute kostet die US-Währung noch gut 1 Franken), und für die italienische Lira und den französischen Franc mussten wir in unseren Ferien von Jahr zu Jahr weniger Franken hinlegen.

Die Schweiz hat es überlebt – ja sie ist mit ihrem immer stärkeren Franken seit dem Zweiten Weltkrieg zu einem der wohlhabendsten Länder der Welt aufgestiegen. Schon im ersten Semester Ökonomie lernt man: Tiefe Zinsen, tiefe Teuerung, tiefe Staatsverschuldung und eine starke Währung gehen Hand in Hand. Diese – für die Schweiz positive – Gesetzmässigkeit gilt noch immer.

Natürlich hat alles seine Grenzen, natürlich wäre ein dramatischer Absturz des Euro, in dem mehr als die Hälfte unserer Exporte abgerechnet werden, gefährlich. Aber das jetzige Niveau von gut 1.40 ist keine Katastrophe. Unsere Exporteure haben über die Jahrzehnte bewiesen, dass sie die Verteuerung der Währung mit besserer Produktivität, höherer Effizienz und qualitativem Mehrwert zumindest ausgleichen können. Bei allen berechtigten Warnungen: Wir sollten uns glücklich schätzen, den Franken und nicht den Euro zu haben. Er ist der beste Garant, dass der Wohlstand der Schweiz gehalten und gesteigert werden kann.

Samstag, 08. Mai 2010 22:50
2 Kommentare
Peter Meier, Luzern
10.05.10 10:33

"Harte Fragen" des Sonntag seien es für Walpen. Nach dem Lesen meine ich: hat sich Hr. Müller nicht überschätzt?

Tek Berhe, St. Gallen
09.05.10 06:44

Interview mit Armin Walpen

Service Public ist auch eine umsichtige Medienpolitik. Nicht auf die Gattungen Radio und TV, lokal und national, beschränkt sondern alle umfassend.
Somit wäre ein Erhöhen auf Fr. 500.- / Jahr sinnvoll wenn daraus auch die Zeitungen und Zeitschriften sinnvoll entschädigt werden. Zum Beispiel bei den Transportkosten oder der Ausbildung von Journalisten generell.

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